Du darfst leer sein, ohne es zu erklären. Gestern habe ich diese Worte dringend gebraucht, weil ich im Supermarkt stand und mir selbst dabei zugehört habe, wie ich meine Müdigkeit rechtfertigte. Eine Freundin hatte mich gefragt, wie es mir geht, und statt einfach „nicht so gut“ zu sagen, habe ich eine ganze Geschichte konstruiert. Der Schlafmangel natürlich, die Deadline, das Wetter, die zu wenigen Pausen. Als wäre ich meinem Gegenüber ein Dossier schuldig, damit meine Erschöpfung legitim wird.
Das Problem ist, dass wir irgendwann gelernt haben, dass unsere Grenzen, unser Nein, unsere Müdigkeit nur zählen, wenn wir sie gut genug begründen können. Wenn die Gründe triftig genug sind. Wenn andere sie nachvollziehen können. Wir rechtfertigen uns, weil wir fürchten, sonst als faul abgestempelt zu werden, als undankbar oder zu empfindlich. Wir erklären, weil Erklären sich wie Handeln anfühlt, wie wir die Kontrolle behalten. Aber vor allem erklären wir, weil wir tief drin nicht glauben, dass wir ohne Grund – einfach so – wertvoll sind.
Nur: Deine Leere ist nicht dein Fehler. Sie ist nicht dein Mangel. Sie ist manchmal einfach da, und das muss reichen.
Wenn ich das ernst nehme, verschiebt sich etwas. Dann kann ich im nächsten Moment, wenn ich wieder gefragt werde und nichts zu geben habe, einfach sagen, dass ich gerade leer bin. Punkt. Keine Erklärung, die mich kleiner macht, keine Geschichte, die meine Leere rechtfertigt, als würde sie sich selbst nicht rechtfertigen. Das klingt so einfach und kostet trotzdem alles. Es kostet die Gewissheit, gemocht zu werden. Es kostet die Sicherheit durch Perfektion.
Aber es gewinnt so viel zurück. Es gewinnt Raum. Es gewinnt Wahrheit. Es gewinnt die Möglichkeit, dass die Menschen, die dich lieben, dich auch dann noch lieben, wenn du gerade nichts zu bieten hast. Und wenn sie das nicht tun? Dann waren sie sowieso an der falschen Stelle.
Deine Frage zum Weitergehen: Was würde sich in deinem Alltag verändern, wenn du anfangen würdest, deine Leere auszuhalten, ohne sie erst zu rechtfertigen?