Ich weiß, dass du das wahrscheinlich nicht glauben wirst.
Nicht dann, wenn du gerade wieder eine Nachricht ignoriert hast und dich dabei ertappt hast, wie dein Herz schneller schlägt. Oder wenn du merkst, dass jemand Wichtiges nach dir fragt und du nicht sofort antworten kannst, weil du gerade mit etwas anderem beschäftigt bist.
Neulich saß ich im Zug und habe eine Unterhaltung zwischen zwei Frauen mitbekommen. Ja😉 , das passiert, denn Ohren kann man ja bekanntlich nicht zumachen. Also – die eine erzählte, dass ihr Freund oft zehn Stunden oder mehr braucht, um auf Nachrichten zu antworten, sofern er überhaupt antwortet. Und dass sie anfangs dachte, er liebt sie nicht genug. Jetzt weiß sie, dass er einfach nicht ständig auf sein Handy schaut. Und komischerweise fühlt sie sich weniger geliebt deshalb? Eher das Gegenteil. Vielleicht, weil seine Aufmerksamkeit nicht nebenbei passiert. Sondern bewusst.
Wo kommt denn diese Idee her, dass Verfügbarkeit eine Art Währung der Liebe ist? Dass wir unserem Wert nicht trauen, wenn wir nicht ständig auf Abruf bereit stehen? Ich glaube, es kommt von diesem neuen dauerhaften, leisen Druck der ständigen Erreichbarkeit. Wir haben internalisiert, dass schnelle Antworten Liebe, Zuneigung, Wertschätzung bedeuten. Dass Präsenz digital gleichbedeutend mit emotionaler Nähe ist. Deshalb fühlen wir uns wie „Versager“ wenn wir offline sind.
Aber Liebe lässt sich nicht im Antworttempo messen. Es gibt Menschen in meinem Leben, die mir nicht ständig schreiben. Mit denen spreche ich alle paar Wochen mal. Und trotzdem weiß ich, dass sie mich lieben. Nicht weil sie immer verfügbar sind, sondern weil sie, wenn wir zusammen sind oder kommunizieren, wirklich präsent sind. Sie bringen ihre volle Aufmerksamkeit mit.
Das ist eigentlich die kleine Verschiebung, die alles ändert. Nicht die Frage, wie schnell antworte ich, sondern wie präsent bin ich (wirklich), wenn ich da bin. Nicht, wie oft ich mich melde, sondern, wie sehr ich mich selbst spüre, während ich mich melde.
Die liebevollsten Menschen, die ich kenne, sind die, die sich selbst wichtig nehmen. Die ihre Grenzen verteidigen. Die Nein sagen können, ohne sich schuldig zu fühlen. Die dich nicht ständig ausnutzen, weil sie wissen dass auch deine Zeit wertvoll ist. Gerade deshalb fühlt sich ihre Aufmerksamkeit, wenn sie dir gehört, so wertvoll an.
Also was glaubst du: Was würde sich für dich ändern, wenn du aufhörst deine Liebe daran zu messen, ob du immer greifbar bist?